Karstwasser und CO₂
Etablierte Verkarstungsmodelle beschreiben die Lösung von Kalk- oder Dolomitgestein im Wesentlichen als eine Folge von im fließenden Wasser gelöstem CO2. Mischungskorrosion und nichtlineare Lösungskinetiken können die Entstehung von größeren Hohlräumen gut erklären, basieren dabei auf dem Transport von CO2 mit fließendem Wasser. Bislang wurde in der Karstliteratur die Aufnahme von CO2 in ruhendem oder nur sehr langsam fließendem Wasser im Kontext von Verkarstungsmechanismen quasi nicht diskutiert. Dass auch frisches, stehendes Karstwasser (zum Beispiel nach einem größeren Niederschlagsereignis) relativ schnell durch dichtegetriebenes diffusiv-konvektives Einlösen signifikante Mengen an CO2 aufnehmen kann, die zum Potential für weitere Gesteinskorrosion beitragen, konnte in Labor-, Feldstudien, und numerischen Simulationen inzwischen gezeigt werden (Class et al., 2020; Class et al., 2021; Class et al., 2023; Keim & Class, 2025). Dabei spielt die Dynamik von CO2 in der Höhlenluft als treibende Kraft für den Einlösvorgang die entscheidende Rolle. Ein gutes Verständnis für die saisonale Produktion von CO2, den Transport sowohl im Wasser als auch in der Gasphase sowie die Speicherung im Gestein und im Wasser ist daher von großer Bedeutung für die Bewertung und Quantifizierung des Einlösevorgangs in ruhendem Karstwasser.
Die Motivation für die laufenden Forschungsarbeiten entstammt Ideen und langjährigen Erfahrungen von Höhlenforschern des Laichinger Höhlen- und Heimatvereins und deren Umfeld. Hier wurde auch der Begriff "Nerochytische Speläogenese" als Bezeichnung für den Prozess geprägt, der auf die aufgrund der Dichte "eigenständige" Mobilität von CO2 sowohl in Höhlenluft als auch im Wasser anspielt (Scherzer et al., 2017; Scherzer et al., 2020).
Langzeitmonitoring in der Laichinger Tiefenhöhle
Die Schwäbische Alb ist geprägt vom sogenannten Grünen Karst. Eine Bodenschicht generiert CO2, die vadose Zone ist bis 200 m mächtig. Bekannt sind über 2.500 Höhlen. An den Rändern des Mittelgebirges entspringen Karstquellen aus Quellhöhlen. Die Verkarstung dauert bis heute an. Der Untergrund ist hauptsächlich ungebankter Massenkalk. Aus der Fluss- und Landschaftsgeschichte lässt sich die Verkarstungsgeschichte in groben Zügen ableiten.
Die Laichinger Tiefenhöhle ist seit 2021 Standort einer langfristig angelegten Messkampagne für CO2 in der Höhlenluft (Class et al., 2023), zwischenzeitlich wurde auch die Einlösung von CO2 in einer künstlichen Wassersäule experimentell beobachtet (Class et al., 2021). Seit 2025 wird zusätzlich zu CO2 auch Radon gemessen, um aus den unterschiedlichen Dynamiken beider Gase Rückschlüsse auf die Transport- und Speicherprozesse ziehen zu können.
Methoden: Laborexperimente, Feldmessungen, Numerische Simulation
Neben experimentellen Arbeiten im Labor (Class et al., 2020; Strauch et al., 2025), führen wir eine Langzeitmesskampagne in der Laichinger Tiefenhöhle durch (siehe oben). Eine wichtige Rolle spielen vor allem numerische Simulationen, aber auch Methoden des maschinellen Lernens. In aktuellen Arbeiten untersuchen wir die Einlösungsdynamiken von CO2 in Wasser (z.B. Keim & Class, 2025), quantifizieren auch die Auflösungskinetik von Kalkgestein abhängig von CO2-Konzentrationen im Wasser und implementieren dafür reaktive Transportmodelle (Weiss et al., 2025; Strauch et al., 2025).
Kooperationspartner
Projekte
Literatur
- Scherzer, H.; Class, H.; Weishaupt, K.; Sauerborn, T.; Trötschler, O. (2017). Nerochytische Speläogenese: Konvektiver Vertikaltransport von gelöstem CO2 – Ein Antrieb für Verkarstung in der phreatischen Zone im Bedeckten Karst. Laichinger Höhlenfreund, 52, 29–35.
- Scherzer, H.; Class, H.; Bürkle, P. (2020). Nerochytische Speläogenese - Versenkung von CO2 aus der vadosen Zone in das Kastwasser der phreatischen Zone: Stand der Forschung 2020. Laichinger Höhlenfreund, 55, 3-20.
Weitere Informationen zu dieser Publikation. - Class H.; Weishaupt K.; Trötschler, O. (2020). Experimental and simulation study on validating a numerical model for CO2 density-driven dissolution in water. Water, 12, 738
https://doi.org/10.3390/w12030738 - Class, H., Bürkle, P., Sauerborn, T., Trötschler, O., Strauch, B., & Zimmer, M. (2021). On the role of density‐driven dissolution of CO2 in phreatic karst systems. Water Resources Research. American Geophysical Union (AGU).
https://doi.org/10.1029/2021wr030912 - Class, H., Keim, L., Schirmer, L., Strauch, B., Wendel, K., & Zimmer, M. (2023). Seasonal dynamics of gaseous CO2 concentrations in a karst cave correspond with aqueos concentrations in a stagnant water column. Geosciences, 13 (2), 51.
https://doi.org/10.3390/geosciences13020051 - Keim, L., Joao, R., Class, H. (2024). CO2 in Höhlenluft und an der Grenzfläche von Luft und Karstwasser – Messungen, Dateninterpretation, Modellierungskonzepte. Laichinger Höhlenfreund.
Zur PDF der Publikation. - Keim, L., & Class, H. (2025). Rayleigh Invariance Allows the Estimation of Effective CO2 Fluxes Due To Convective Dissolution Into Water-Filled Fractures. Water Resources Research, 61, Article 2.
https://doi.org/10.1029/2024WR037778 - Strauch, B., Zimmer, M., Wendel, K., Keim, L., Class, H. (2025). Measuring carbonate dissolution rates under well-controlled conditions for reactive CO2-water flow in a large lab-scale karst fracture imitate. MethodsX. 2025 Mar 19;14:103271.
https://doi.org/10.1016/j.mex.2025.103271 - Weiss, F. J., Keim, L., Wendel, K., Class, H. (2025). Implementation Pitfalls for Carbonate Mineral Dissolution -- a Technical Note. Pre-print submitted to Applied Geochemistry, available on arXiv.org.
https://doi.org/10.48550/arXiv.2501.05225
Kontakt
Holger Class
apl. Prof. Dr.-Ing.Kommissarischer Leiter des Lehrstuhls, Professor für Fluidmechanik